Herzlichen Glückwunsch, Klaus Menges!
Ein ganz besonderer Mensch feiert am 16. Juli seinen 50. Geburtstag
Er war Sepp Maier, ich Franz Beckenbauer. In einer Zeit, in der Kinder abends noch draußen spielten, versuchte ich das ersehnte Tor zu schießen. Manchmal gelang es, doch meist hielt mein Freund seinen Kasten sauber. Immer wieder baten wir unsere Eltern um Verlängerung, wenn sie uns zum Schlafengehen ins Haus riefen. Irgendwann mussten wir dann doch nachgeben. Wir, das waren Klaus Menges und ich, zwei Nachbarsjungen, die sich prima verstanden. Dass Klaus das Down-Syndrom hatte, kümmerte mich wenig: Er war ein exzellenter Torwart, eben wie sein großes Vorbild Sepp Meier. Selbst ein Trikot mit seinem Namen hatte er, und später, als das in Mode kam, wollte er auch Dauerwellen haben wie damals Sepp Meier. Da schoben die Eltern dann aber doch einen Riegel vor.
Irgendwann hat Klaus sein Interesse am Fußball verloren, sagt heute seine Schwester Gabriele, unser Ballmädchen von damals. Rund vierzig Jahre später sitzen wir zusammen und warten auf Klaus, der noch keine Lust hat, interviewt zu werden. Nach dem Fußball hat Klaus sich anderen Sportarten zugewandt. Kegeln, Wandern, Schwimmen, zeitweise auch Volkstanz – alles hat er ausprobiert, vieles mit großem Erfolg. Stolz zeigt seine Mutter Gertrud die unzähligen Auszeichnungen, die ihr Sohn erhalten hat.
Jetzt kommt Klaus herein, freundlich wie immer, lacht übers ganze Gesicht. Begrüßen müssen wir uns nicht mehr, ich habe ihn schon vorher in seinem penibel aufgeräumten Zimmer besucht. Gabi erinnert an die Vorliebe ihres Bruders für Musik, besonders den deutschen Schlager. Sein Lieblingslied sei immer „Michaela“ gewesen. Davon will Klaus im Moment nichts wissen: „Geh hör mir auf“, winkt er nur verlegen ab. „Das ist lange her!“. Heute sind es mehr die Zillertaler Schürzenjäger und aktuelle Schlagersänger, die es ihm angetan haben, doch hinter vorgehaltener Hand sagt Gabi, dass sie auch noch oft genug den großen Hit von Bata Illic bei ihm hört. Nach einer Weile beginnt Klaus auf dem Stuhl umherzuräkeln. Seine Schwester grinst: „Es ist gleich Zeit. Alle halbe Stunde muss er die Nachrichten hören!“ Sein Lieblingssender, dem er seit vielen Jahren die Treue hält, ist SWR 4. Selbst Autogramme der Ansager hat Klaus sich schicken lassen. Als er kurz verschwunden ist, wird seine Schwester nachdenklich. Sie erzählt, dass sie, obwohl sie jünger war, auch als Kind schon die große Schwester sein musste „Oft war es so, dass ich ihn verteidigen musste, wenn er gehänselt, beleidigt oder ihm sonst ein Leid zugefügt wurde!“Auch sei sie manchmal ein bisschen neidisch gewesen, wenn Klaus von Verwandten Geld zugesteckt worden sei. „Das fand ich ungerecht. Schließlich habe ich doch viele Jahre unserer Kindheit keinen Unterschied zwischen uns beiden feststellen können. Heute weiß ich, dass solche Gesten nur ein Ausdruck von Hilflosigkeit waren. Und Neid gibt es sowieso keinen mehr, nur noch Bewunderung, insbesondere für die positive Lebenseinstellung von Klaus.“
Sie sehe es natürlich als Glück, so einen besonderen Menschen als Bruder zu haben. Er habe ihr Leben, Denken und Fühlen positiv geprägt und sicherlich zu der Entscheidung für ihren Beruf als Erzieherin beigetragen. Sie wünsche sich oft die Gelassenheit „mit der Klaus Dinge tut oder eben nicht tut. Mit der Konzentration auf das, was jetzt gerade wichtig ist.“ Dann gerät sie regelrecht ins Schwärmen: „Sein Gespür, seine Sensibilität für Disharmonie! Sein Streben nach Frieden mit den Menschen um ihn herum. Ich empfinde Dankbarkeit für die Liebe ,die er mir und meiner Familie entgegenbringt. Es gibt kein Streben nach materiellen Dingen.“ Man merkt, dass diese Worte aus tiefstem Herzen kommen.
Mutter Gertrud, die berührt zugehört und ab und zu genickt hat, ergänzt, wie lieb ihr Klaus ist, sagt, dass er sie oft aus heiterem Himmel umarmt und sagt: „Dankeschön für alles, Mama!“ Sie erzählt auch, wie er sie getröstet hat, als vor vielen Jahren ihr Mann viel zu früh starb.
Heute steht Klaus weitgehend auf eigenen Beinen: Am Wochenende hat er oft keine Zeit für seine Mutter, weil er Musik- und Sportveranstaltungen besucht. Natürlich bedauert sie dies, ist andererseits aber auch froh für so viel Selbständigkeit. Wenn er dann nach Hause kommt, kümmert er sich erst einmal liebevoll um seine beiden Nichten, denen er immer eine Kleinigkeit mitbringt. Gertrud und Gabriele Menges bedauern nur, dass viele Menschen sich nicht die Mühe machen, Klaus näher kennenzulernen. Erst dann würden sie sagen: „Wir haben gar nicht gewusst, dass man sich richtig mit ihm unterhalten kann.“ Inzwischen ist Klaus wieder da, und er erzählt, was er in Nassau, wo er in einer Wohngemeinschaft der Stiftung Scheuern lebt, so alles macht: Er arbeitet in einer Werkstatt, montiert Teile für Haushaltsgeräte. Das Schlimmste für ihn ist, wenn er nicht genug zu tun hat. Wenn die Aufträge ausbleiben, kommt das leider ab und zu vor. In der Freizeit spielt Klaus Keyboard und beschäftigt sich mit dem Computer. Auch geht er oft aus, besucht Discos, seine Lieblingseisdiele und nimmt einfach alles mit, was ihn interessiert – erst neulich war er bei einem keltischen Rockkonzert. Gerne erledigt er kleine Einkäufe für die Gruppenmitarbeiter. Und dann natürlich das geliebte Radio, das den ganzen Tag bei ihm läuft.
„Sind wir jetzt fertig?“, fragt Klaus und sieht zur Uhr. Gabriele hält die Luft an: „Hoffentlich geht sie richtig!“ Sie erzählt, dass gestern eine Uhr um zwei Minuten vorging. „Dann ist aber Holland in Not!“, sagt sie lachend und fügt hinzu: „Es sind Kleinigkeiten, die Klaus aus der Bahn werfen wie zum Beispiel eine falsch gehende Uhr oder eine Zeitschrift, die nicht sein bevorzugtes Radioprogramm enthält. Dinge, die wir als weltbewegend bezeichnen, lassen ihn dagegen kalt! Und für die wirklich großen Einschnitte ist er sowieso mit Stärke und Zuversicht gewappnet.“
Als Klaus sich zur nächsten Nachrichtensendung verabschiedet, erzählen Mutter und Tochter, dass er es bei aller eingeübten Lebenspraxis manchmal schon bedaure, nicht noch mehr gelernt zu haben. Lesen und Schreiben fielen ihm schwer, aber damals zu seiner Kindheit, da war es mit der Förderung noch nicht sehr weit her..
Was sich Klaus zum Geburtstag wünscht? Nichts, es sollen nur viele Leute kommen oder anrufen!
Und seine Schwester? „Ich wünsche Klaus zu seinem 50. Geburtstag alles Liebe, Gute und Gesundheit, dass er mir noch lange Halt gibt und mich in meinem allzu oft hastigen und gestressten Alltagsleben anhalten lässt.“ Mutter Gertrud nickt wieder nur stumm. Sie, dem Klaus so vieles zu verdankt, ist von dem Gespräch sehr mitgenommen.
Dann ist die Hauptperson wieder da.
Ich will wissen, ob das alles so stimmt, was die beiden Frauen erzählt haben. Ja, das mit den vielen Leuten am Geburtstag, das schon. Aber so gar kein Geschenk? Klaus schüttelt den Kopf: „Etwas für den Computer, das wäre schon schön“, sagt er, denn der ist im Moment leider kaputt.
Als ich mich verabschiede, fällt mir Klaus um den Hals, sagt auch mir „Dankeschön für alles!“ Wir drücken uns ganz fest: Sepp Meier und Franz Beckenbauer…
Christoph Kloft